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Stehgewässer

Praktisch alle stehenden Gewässer sind potenzielle Fortpflanzungsgewässer für Amphibien. Während der hohe biologische Wert beispielsweise von Teichen, Weihern oder natürlichen Seeufern allgemein bekannt ist, wird aus Sicht des Amphibienschutzes vor allem kleinen und kleinsten Stehgewässern nur ungenügende Wertschätzung entgegen gebracht.

tuempel

Tümpel

Tatsächlich werden zahlreiche Tümpel von Amphibien als Laichgewässer genutzt – aber deren Wert als Lebensraum wird oft verkannt. Tümpel können auf unterschiedlichen Orten und auf unterschiedliche Art und Weise entstehen: Als Spuren von schweren Fahrzeugen auf Waffenplätzen, in Kiesgruben oder in Holzschlägen. Tümpel gibt es aber auch am Wegrand oder als wassergefüllte Mulden und Löcher, beispielsweise wenn ein Baum im Wald umstürzt. Quellaufstösse, Suhlen von Rot- und Schwarzwild oder Wasseransammlungen am Fuss von Felsen oder Böschungen sind Beispiele dafür, wie solche Kleinstgewässer auch natürlicherweise entstehen können.

Kleingewässer, welche regelmässig austrocknen, werden als Tümpel bezeichnet. Sie weisen hohe Wassertemperaturen auf, sind vegetationsarm oder manchmal frei von Bewuchs, und Fressfeinde für Amphibien fehlen meist vollständig (nur Rückenschwimmer finden sich ein). Amphibienarten wie die Kreuzkröte und die Gelbbauchunke sind geradezu spezialisiert auf derlei Gewässer; sie sind aber auch exzellentes Fortpflanzungsgewässer für alle Amphibienarten und beherbergen eine spezialisierte Flora und Fauna.

Tümpel, welcher sich aus einem Rinnsal neben einem Bach gebildet hat

Tümpel, welcher sich aus einem Rinnsal neben einem Bach gebildet hat und der Gelbbauchunke als Laichgewässer dient (© Irina Bregenzer)

Temporär wasserführendes Gewässer

Dieser Tümpel wurde zur gezielten Förderung der seltenen Gelbbauchunken und Kreuzkröten angelegt. Er erwärmt sich rasch, enthält kaum Fressfeinde und wenig Vegetation (© Murielle Mermod)

weiher

Weiher und Teiche

Weiher - grössere, natürliche Stehgewässer

Grössere  Stehgewässer werden als Weiher bezeichnet. Sie sind in der Regel auch etwas tiefer als Tümpel, aber das Sonnenlicht dringt problemlos bis auf ihren Grund. Manche Weiher führen dauerhaft Wasser, manche trocknen dann und wann aus. Meist sind Weiher reich an Unterwasser- und Schwimmblattpflanzen, und in zahlreichen Fällen sind sie von einem Gürtel aus Röhricht umgeben. Die Entstehungsgeschichte von Weihern ist sehr unterschiedlich. Viele entstanden in Mulden oder Toteislöchern, nachdem sich die Gletscher der letzten Eiszeit aus den Niederungen zurückgezogen hatten. Wo Bäche und Flüsse ihre Tonfracht deponierten und wasserundurchlässige Bodenschichten schufen, konnten ebenfalls Weiher entstehen.

Je nach den Eigenschaften eines Weihers fühlen sich darin unterschiedliche Amphibienarten wohl. Massgebend sind seine Fläche, Tiefe, Temperatur und sein Wasserregime, aber auch, ob ein Bach zufliesst oder nicht. Durchflossene Weiher sind meist relativ kühl und für Arten geeignet, welche an derartige Verhältnisse angepasst sind und auch in den höheren Lagen vorkommen: Bergmolch, Erdkröte und Grasfrosch. Auch die Geburtshelferkröte kommt mit kühlen Gewässern gut zu Recht. Besonders wertvoll für Amphibien sind grundwassergespiesene Weiher. Sie sind in der Regel wärmer und damit auch für seltene Arten wie den Kammmolch, Teichmolch oder Laubfrosch geeignet. In Weihern finden wir oft eine hohe Artenzahl, nicht nur an Amphibien.

Flachgründiger Weiher in einer Wiese

Ein grundwassergespiesener und temporär wasserführender Weiher, welcher zahlreichen gefährdeten Amphibienarten als Laichgewässer dient (© Julie Seemann-Ricard)

Weiher mit reicher Unterwasser- und Schwimmblattvegetation

Weiher mit reicher Unterwasser- und Schwimmblattvegetation (© Andreas Meyer)

 

Teiche - durch den Menschen angelegte Gewässer 

Weiher wurden vom Menschen über Jahrhunderte hinweg bewirtschaftet, und zum Teil legte er eigentliche Nutzweiher an. Solche Gewässer nennt man Teiche. Sie verfügen oft über ein System – als Mönch bezeichnet -, das es erlaubt, den Teich zu leeren. Teiche wurden zur Produktion von Eis, zum Wässern von Hanf und hölzernen Dachtraufen, für die Karpfenzucht oder für Bewässerungszwecke genutzt, oder sie dienten als Reservoir für den Antrieb von Mühlen, Sägen oder Knochenstampfen. Bis heute sind noch vereinzelt Fisch- und Ententeiche, da und dort auch Feuerlöschteiche übrig geblieben. Je nach Nutzung können Teiche für Amphibien attraktiv sein. Namentlich die regionentypischen Feuerlöschteiche im Emmental und im Appenzellerland werden gerne von der Geburtshelferkröte als Laichplatz genutzt – und bis heute erklingen ihre glockenartigen Rufe nachts aus dem einen oder anderen Bauerngarten.

Seen

Seen

Der Wasserkörper von Seen ist gross, und das Sonnenlicht erreicht ihren Grund an den tieferen Stellen nicht mehr. Sie werden immer von Fischen besiedelt. Welche Amphibienarten einen See als Laichgewässer nutzen, wird von dessen Wassertemperatur und den vorhandenen Uferstrukturen bestimmt.

Steile, vegetationsarme Ufer deuten auf grosse Seetiefen und entsprechend niedrige Wassertemperaturen hin, wie beispielsweise am Vierwaldstätter- oder am Brienzersee, und auch die künstlichen Baggerseen weisen ähnliche Eigenschaften auf. Derartige Gewässer können vor allem von der Erdkröte genutzt werden, zumal sie gut mit den Fischen zurecht kommt (denn die Kaulquappen verfügen über ein Hautgift). In kleineren Seen finden wir auch die kälteresistenten Geburtshelferkrötenlarven.

Anders ist die Situation an flachufrigen Seen: Hier wächst eine reiche Unterwasser- und Schimmblattvegetation, und es bilden sich ausgedehnte Röhrichte aus. Die Wassertemperaturen sind meist relativ hoch, die Bedingungen ähnlich wie an einem Weiher. Die Amphibien sind durch die Wasserfrösche, die Erdkröte, den Grasfrosch, den Bergmolch, den Fadenmolch und natürlich den eingeschleppten Seefrosch vertreten. An den warmen Tieflandseen der Schweiz kommen zusätzlich der Laubfrosch, der Teichmolch und die Gelbbauchunke vor. Falls das Schilf nicht zu dicht steht, rufen da und dort sogar die Kreuzkröten.

Die wertvollsten Lebensräume für Amphibien stellen an den Seeufern jedoch Überschwemmungsflächen dar, welche bei hohen Seespiegelständen vor allem im Frühling und Sommer beim Abfluss des Schmelzwassers auf den Alpen temporär überflutet werden. Diese Flächen sind Brutgebiete von zahlreichen Fischen, Amphibien und Wirbellosen. Hier geht der Lebensraum See nahtlos in die Lebensräume Flachmoor und Feuchtwiesen über.  

Seeuferlaichplätze in der Alpenrandregion

Viele Seen der Alpenrandregionen - beispielsweise der Vierwaldstättersee, der Thuner- und Brienzersee, der Lago Maggiore und der Lago di Lugano - zeichnen sich durch einige Gemeinsamkeiten aus: Sie liegen in tief eingeschnittenen Tälern, sind bis über 300 Meter tief, und die steil abfallenden Bergflanken, welche sie begrenzen, setzen sich am Ufer auch unter Wasser fort. In der Regel weisen die Uferbereiche kaum Vegetation auf und bestehen unter dem Wasserspiegel aus Blockhalden und Felsen. Durch die grosse Tiefe der Seen bleiben die Wassertemperaturen auch im Sommer verhältnismässig kühl.

See mit Steilufer

See mit Steilufer (© Andreas Meyer)

 

Erdkröten besiedeln die steilen Wälder rund um die Alpenrandseen zum Teil heute noch in sehr grossen Populationen. Als Laichplatz kommt nur das Seeufer in Frage. Aber erst vor rund 20 Jahren wurde sich die Wissenschaft bewusst, welch bemerkenswerte Laichplätze diese Seeufer tatsächlich darstellen. Eine Studie am Vierwaldstättersee brachte nämlich Erstaunliches zutage: Normalerweise wandern die Erdkröten an solchen Stellen fünf bis sieben Wochen später zu den Laichplätzen als ihre Artgenossen, die zwar in derselben Region, aber in Weiher oder Teiche und nicht in den See ablaichen. Also erscheinen die ersten Erdkröten nicht vor Anfang April am Seeufer.

Die Gründe dafür bleiben im Dunkeln, und Erklärungen sind spekulativ: Die Landlebensräume der Kröten können ein bis zwei Kilometer weit vom Seeufer entfernt liegen, und damit auch gut 1‘000 Höhenmeter weiter oben. Es liegt auf der Hand, dass dort ein raueres Klima herrscht und die Aktivität der Erdkröten später einsetzt. Interessanterweise wandern aber alle Kröten sehr synchron zu den Laichplätzen am Seeufer, unabhängig davon, ob sie von der klimatisch begünstigten südexponierten Bergflanke oder der schattigeren nordexponierten anwandern. Möglicherweise ist die Wassertemperatur des Sees entscheidend. Obwohl diese grundsätzlich relativ tief ist, steigt sie im Mai deutlich an und bietet wohl erst jetzt geeignete Lebensbedingungen für die Larven.

Die Wanderung zum Seeuferlaichplatz gestaltet sich für die Kröten abenteuerlich: Die steilen Bergflanken verlangen nach waghalsigen Kletterpartien, manchmal purzeln die Tiere aber auch förmlich hangabwärts. Im seichten Wasser sitzend ruhen sich die Kröten eine Zeitlang aus, bevor sie ein erstes Mal in die Tiefe tauchen, zuerst noch zaghaft, bis auf maximal einen Meter. Von hier aus tauchen sie innerhalb einer Stunde gewöhnlich noch zwei bis drei Mal auf, und erst nach dieser Angewöhnungsphase tauchen sie zu den in fünf bis sieben Metern Tiefe gelegenen Laichplätzen ab. Taucher hören die Erdkrötenmännchen unter Wasser rufen. Die Kröten scheinen ihren Sauerstoffbedarf über die Haut zu decken und brauchen deshalb nicht aufzutauchen. Der Wasserdruck, welcher auf die Tiere einwirkt, ist bereits in dieser Tiefe beträchtlich. Taucher berichten sogar von einzelnen Tieren zwischen 20 und 40 Metern Tiefe, und Berufsfischer staunten nicht schlecht, als sie Erdkröten in aus solchen Tiefen gehobenen Netzen feststellten.

Die Studie im Vierwaldstättersee hat gezeigt, dass der Laich in einer Tiefe von zwei bis sechs Metern an Felsblöcke geheftet wird. Laich in grösseren Tiefen scheint sich nicht mehr erfolgreich entwickeln zu können. Es wird vermutet, dass die Laichschnüre zum Schutz vor Wellenschlag in grösserer Tiefe deponiert werden als beispielsweise in einem Kleingewässer. Auch könnte der Prädationsdruck in tieferen Lagen kleiner sein. Nach Aussagen von Tauchern halten sich während der Krötenlaichzeit vor allem Egli (Perca fluviatilis) vermehrt an deren Laichplatz auf. Sie fressen sowohl Laich als auch Larven. Wie lange die Entwicklung der Larven unter Seeuferbedingungen im Vergleich zu „regulären“ Laichgewässern dauert, ist noch ungeklärt.

Auch Grasfrösche laichen vereinzelt im Vierwaldstättersee. Die Laichballen liegen weniger tief, aber immer noch in Tiefen von ein bis vier Metern. Es ist noch unklar, ob dieses Laichverhalten, das sich grundlegend von dem benachbarter Populationen, welche in Kleingewässer ablaichen, unterscheidet, genetisch fixiert oder opportunistisch ist.

Mit dem Automobilverkehr und dem Strassenbau kamen die Probleme an die Seeufer: Der Topographie entsprechend wurden Kantonsstrassen meist parallel zum Ufer geführt und schnitten damit Laich- und Landhabitat der Erdkröte vollständig entzwei. Noch in den 1950er-Jahren waren die Populationen stellenweise so gross, dass man während des Amphibienzugs um die Verkehrssicherheit fürchtete, weil die Strassen von den zahlreichen Kadavern glitschig geworden waren. Es stank zum Himmel vor lauter toter Kröten! Heute sind viele dieser riesigen Populationen stark ausgedünnt oder verschwunden. Lokal konnte das Problem der Strassenmortalität mit temporären oder dauerhaften Amphibiensperren gemindert werden.