Partner für lebendige Gewässer
Als Ökosystem-Ingenieur kann der Biber seine Umgebung radikal umgestalten und verändern. Daraus ergeben sich zahlreiche Vorteile sowohl für den Menschen als auch für die Natur: mehr Biodiversität und Biomasse, gereinigtes Wasser, gespeicherter Kohlenstoff oder auch aufgefüllte Grundwasserspeicher.
Diese Seite enthält eine Zusammenfassung einer nationalen Studie von 2020-2023 über die «Funktion von Biberdämmen in der Landschaft».
Daraus ergibt sich nur eine Schlussfolgerung: Der Biber ist unser bester Verbündeter um lebendige und widerstandsfähige Gewässer zu fördern.
Drei Jahre Forschung zum Einfluss des Bibers an Gewässern
Zwischen 2021 und 2023 führte die nationale Biberfachstelle im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt BAFU eine Studie zur «Funktionalität von Biberdämmen in der Landschaft» durch. In Zusammenarbeit mit (inter-)nationalen Fachleuten wurden verschiedene Aspekte unter die Lupe genommen: Zustand der Populationen, Einfluss auf die Biodiversität, Verhalten von Fischen an Biberdämmen, Wasserqualität und Kohlenstoff-Bilanz in einem Biberrevier. Als letztes haben wir ein «Biber-Auemodell» für die ganze Schweiz erstellt, mit dem Überschwemmungsflächen vorhergesagt werden können.
Das Forschungs-Projekt in Bildern
Die Ergebnisse im Überblick
Bestandeserhebung 2021-2022
Nachdem der Biber zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Schweiz ausgerottet worden war, wurde er zwischen 1956 und 1977 wieder angesiedelt. Es dauerte einige Jahrzehnte, bis er sich wieder etabliert hatte, aber um die Jahrtausendwende war die Entwicklung der Populationen deutlich positiv: Während 1993 nur wenige hundert Biber sporadisch auf Schweizer Gebiet gezählt wurden, bevölkerten 2008 bereits fast 1600 Tiere die Schweizer Gewässer.
Vierzehn Jahre später zeigt die vierte nationale Biberzählung ein kontinuierliches Wachstum der Populationen: Im Jahr 2022 lebten 4900 Tierein der Schweiz.
Biodiversität
Die Populationsentwicklung ist erfreulich für die Natur in der Schweiz, insbesondere für die aquatische Biodiversität, die heute stark unter Druck steht. Denn dank seiner baulichen Aktivitäten ermöglicht der Biber vielen Arten, sich zu entwickeln. Dämme, Kanäle, Lichtungen, Wintervorräte oder Burgen – all diese Bauwerke bieten Lebensräume und Strukturen, die in vielen Gewässern komplett fehlen. Durch sein Handeln stellt der Biber eine jahrtausendealte Dynamik wieder her, die mit ihm verschwunden war.
Im Durchschnitt kommen in den vom Biber beeinflussten Abschnitten 2,6-mal mehr Arten und 5,9-mal mehr Individuen der untersuchten Arten vor als in den Kontrollgebieten am selben Fliessgewässer. In Gebieten, in denen der Biber sein volles Potenzial entfalten kann, kann dieses Verhältnis sogar 6,5-mal mehr Arten und 62,1-mal mehr Individuen betragen: Der entscheidende Faktor für solche Auswirkungen auf die Biodiversität ist der Bau von Dämmen und alle damit verbundenen Aktivitäten, die eine Vernässung oder Überflutung der Ufer und angrenzenden Flächen ermöglichen.
Verhalten von Fischen an Biberdämmen
Die Rückkehr des Bibers wird jedoch von einigen als Problem gesehen. Tatsächlich bestehen Befürchtungen hinsichtlich der Überwindbarkeit der Biberdämme durch Fische und folglich hinsichtlich der Auswirkungen der Dämme auf die Fischwanderung.
Im Rahmen dieses Projekts wurden drei unterschiedliche Gewässer untersucht, die für das Schweizer Mittelland repräsentativ sind. Sie wiesen sehr unterschiedliche ökomorphologische Profile auf.
Es hat sich gezeigt, dass die Befürchtungen zur Rückkehr des Bibers und seine Auswirkungen auf die Fischwanderung weitgehend unbegründet sind: Biberdämme können von Fischen sehr wohl überwunden werden, und zwar von allen untersuchten Arten.
Fische steigen hauptsächlich nach Niederschlägen mit erhöhten Abflussmengen auf. Dann ist der Wasserstandunterschied zwischen Ober- und Unterwasser am Biberdamm verringert und die Passage wird so erleichter. Der Aufstiegserfolg ist ebenfalls abhängig von den ökomorphologischen Eigenschaften des Fliessgewässers: Je besser das Gewässer mit seiner Umgebung vernetzt ist und je mehr Nebenarme sich bilden können, desto höher ist der Prozentsatz der Fische, die den Biberdamm erfolgreich überwinden.
Wasserqualität
Biber können mit dem Bau von Dämmen die Wasserqualität beeinflussen. Im Sommer und Winter wurden in 164 Biberrevieren mit Dämmen Wasserproben entnommen. Die Analysen zeigten einen Anstieg der Konzentration von gelöstem organischem Kohlenstoff (DOC) unterhalb der Biberdämme. Dieses Phänomen hängt mit der erhöhten Primärproduktivität der Biberteiche zusammen. DOC ist eine wichtige Energiequelle für Mikroorganismen. Diese bilden die Basis mikrobieller Nahrungsnetze und stellen damit indirekt Nahrung für höhere Organismen wie Wirbellose und Fische bereit. In den Biberteichen kam es zudem zu einer Verringerung der Nitratkonzentration.
Diese Effekte stehen in einem signifikanten Zusammenhang mit der Grösse der durch Biberdämme entstehenden Feuchtgebiete: Je größer diese sind, desto ausgeprägter sind die Verringerung der Nitrate und die Erhöhung des DOC.
Damit Biber einen messbaren Einfluss auf die Wasserqualität ausüben können, müssen sie in der Lage sein, die Uferbereiche eines Fliessgewässers teilweise oder vollständig zu überfluten und Feuchtgebiete zu schaffen.
Die Steigerung der Primärproduktivität in Biberteichen führt zu einer Erhöhung der Konzentration von gelöstem organischem Kohlenstoff (DOC) und zu einer Verringerung der Nitratkonzentration im Wasser. Dieses kurze Video zeigt das explosionsartige Wachstum der Vegetation im Frühjahr (© umweltbildner.ch und info fauna).
Kohlenstoff-Bilanz
Das seit dreizehn Jahren bestehendes Biberfeuchtgebiet in Marthalen ZH wurde als Untersuchungsfläche für das fünfte Modul ausgewählt. Ziel war es, über ein ganzes Jahr hinweg die Kohlenstoff-Bilanz des Biber-Feuchtgebiets zu ermitteln.
Das von den Bibern geschaffene Feuchtgebiet produziert fast doppelt so viel Biomasse und speichert dreimal so viel Kohlenstoff wie der Wald vor ihrer Ankunft.
Biber-Auenmodell
Schliesslich wurde ein digitales «Biber-Auenmodell» entwickelt, um den Einfluss von Biberdämmen auf die Uferbereiche von Fliessgewässern vorherzusagen. Die durch Biberdämme entstandenen Feuchtgebiete können sowohl eine Chance (Biodivesität, Wasserqualität, Wasserrückhalt etc.) als auch eine potenzielle Konfliktquelle (Schäden an Infrastruktur, Überschwemmungen) darstellen. Dieses Modell ermöglicht es, das Ausmass von Biberdämmen zu visualisieren und kann somit als Management-Instrument dienen.
Schätzungen zufolge können Biber in der Schweiz eine Fläche von 290 km² hauptsächlich positiv beeinflussen, während 150 km² eher konfliktträchtig sind. Dieses Instrument kann in Zukunft dazu dienen, die Gebiete zu identifizieren, die für eine Stärkung der Biodiversität und der ökologischen Infrastruktur durch die Besiedlung von Bibern am besten geeignet sind, oder als Hilfe für die kantonale Planung, um mögliche Konflikte vorherzusagen.
Das Modell sagt die Überflutungswahrscheinlichkeit durch Biber voraus (© info fauna; Kartenhintergrund: swisstopo).
Und jetzt?
Der Biber ist einer unserer wirksamsten Helfer bei der Aufwertung von Fliessgewässern. Mit seinen Dämmen schafft er neue Lebensräume wie Teiche oder Feuchtgebiete und schafft eine natürliche Dynamik. Die entstehenden Biberteiche fördern die Artenvielfalt und verbessern gleichzeitig die Wasserqualität, indem sie unter anderem Nitrat abbauen.
Zudem speichern die vom Biber überfluteten Flächen Kohlenstoff, halten Wasser in der Landschaft zurück und unterstützen die Neubildung von Grundwasser. So tragen sie dazu bei, Gewässer widerstandsfähiger gegenüber Trockenheit und Klimaveränderungen zu machen.
Zwar gibt es bereits Massnahmen zum Schutz des Bibers und seiner Bauwerke, doch reichen diese noch nicht aus. Angesichts der vielen Vorteile ist es wichtig, den Biber künftig gezielt und vorausschauend in die Naturschutzplanung von Bund und Kantonen einzubeziehen.
Handlungsfelder
Für die Integration des Bibers in nationale und kantonale Naturschutzprogramme zeichnen sich vier Handlungsfelder ab. Dabei handelt es sich um die Bereiche Gewässer (Wasserbau und Revitalisierung), Wald, Landwirtschaft und Siedlungsgebiete.
Wasserbau- und Revitalisierungsprojekte
Fliessgewässer bilden ein dichtes Netz, das relativ gleichmässig über das gesamte Gebiet der Schweiz verteilt ist. Ein grosser Teil der hiesigen Fliessgewässer befindet sich jedoch in einem kritischen ökologischen Zustand. Zusätzlich verschärft der Klimawandel die Situation weiter und erhöht den Druck auf viele Tier- und Pflanzenarten.
Da die derzeitigen Massnahmen zur Revitalisierung der Fliessgewässer noch keine grossflächige Verbesserung der Situation bewirkt haben, ist es wichtig, zusätzlich zu den bereits getroffenen Massnahmen weitere Massnahmen zur Unterstützung der Gewässerrevitalisierung in Betracht zu ziehen. Der Biber ist dabei ein Partner, der schnell, effizient und kostengünstig handelt, indem er ganze Gewässerabschnitte kostenlos revitalisiert.
Es ist auch wichtig, den Biber im Lichte der globalen Erwärmung zu betrachten. Biberteiche bieten ein erhebliches Potenzial als Wasserreservoir. Allein in der Schweiz könnten Biberteiche ein Oberflächenwasservolumen von 1 bis 2 Millionen m3 zurückhalten, wenn alle für diese Art geeigneten Fliessgewässer besiedelt werden.
Die Besiedlung des Schweizer Gewässernetzes durch den Biber ist eine grosse Chance für den Erhalt und die Stärkung der Biodiversität sowie für die Vernetzung wertvoller Naturräume.
Wenn wir den Gewässern etwas mehr Raum lassen, kann sich der Biber als wirksamer Partner für die Renaturierung und Vernetzung naturnaher Fliessgewässer erweisen:
- die eine dynamische Entwicklung der Gewässerstruktur nach ersten baulichen Eingriffen ermöglichen.
- die vielfältige aquatische, amphibische und terrestrische Lebensräume fördern.
- die eine längsgerichtete Vernetzung zwischen aquatischen, amphibischen und terrestrischen Lebensräumen sowie eine seitliche Anbindung zwischen Land und Wasser («blue-green») in Bezug auf Räume und Funktionen (Uferbereich) wiederherstellen.
- Wiederherstellung einer natürlichen oder zumindest naturnahen Gewässermorphologie (durch die Reaktivierung eines naturnahen Geschiebetransports und die Gewährleistung eines für Gewässer reservierten Raums unter Berücksichtigung des Hochwasserschutzes).
- die Bildung dynamischer Strukturen zu ermöglichen, die vom Gewässer selbst geschaffen werden, anstatt statische, künstliche Strukturen zu errichten (je nach Gestaltung des Wasserlaufs kann es erforderlich sein, anfängliche Strukturen einzuführen, die die Strömung lenken, um eigene dynamische Prozesse auszulösen).
Biber leben oft in der Nähe oder sogar innerhalb von Abschnitten von Wasserbauprojekten. Die Frage ist daher oft nicht, OB Biber ein Wasserbauprojektgebiet besiedeln werden, sondern WANN sie sich dort niederlassen und aktiv werden.
Deshalb sollte der Biber in alle zukünftigen Wasserbauprojekte miteinbezogen werden.
Wald
Heute wird Maßnahmen, die speziell auf die Erhaltung natürlicher Lebensräume wie Feuchtwälder abzielen, hohe Priorität eingeräumt. Der Biber kann wertvolle Feuchtbiotope im Wald schaffen.
Zwar können Waldreservate völlig unabhängig von einer Besiedlung durch Biber ausgewiesen werden, doch sieht das Teilprogramm « Biodiversität im Wald » (Programmvereinbarung im Umweltbereich 2025–2028) ausdrücklich vor, die Aktivitäten der Biber in Waldreservaten zuzulassen, um deren positiven Einfluss auf die Entstehung und Erhaltung von Feuchtwäldern zu fördern.
Nach Absprache zwischen dem Kanton und den Waldbesitzenden können der Biber und seine Aktivitäten als integraler Bestandteil in einen Vertrag zur Ausweisung eines Natur- oder Sonderwaldreservats aufgenommen werden. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass Sonderwaldreservate den Vorteil haben, dass sie subventionierte Massnahmen zur Förderung der Biodiversität ermöglichen.
Das oben vorgestellte Biber-Auenmodell kann bei der kantonalen Planung von Waldreservaten dazu dienen, geeignete Flächen für die Erhaltung von Feuchtwäldern zu identifizieren. Da Biber auch die unmittelbare Umgebung der vernässten oder überschwemmten Gebiete nutzen und beeinflussen können, empfiehlt es sich, eine ausreichend grosse Pufferzone abzugrenzen, um potenzielle Konflikte zu vermeiden.
Siedlungsgebiet
Der Biber kann in Siedlungsgebieten eine wichtige Rolle spielen, da er alle Arten von Gewässern ökologisch aufwerten kann. Eine grosse Vielfalt an Pflanzen, Schmetterlingen und Vögeln in Grün- und Freiflächen trägt nicht nur zur Entwicklung und Erhaltung der Biodiversität bei, sondern wirkt sich auch positiv auf den Menschen aus.
Biberteiche ziehen viele Menschen an und begeistern durch ihre dynamische Vielfalt. Grünflächen und Gewässer verbessern zudem die Luftzirkulation und das städtische Mikroklima. Diese kühlende Funktion wird in dicht bebauten Städten eine immer wichtigere Rolle spielen und kann zur Anpassung an den Klimawandel beitragen.
Bei der Planung von Wasserbauprojekten im Siedlungsgebiet kann es daher besonders lohnenswert sein, das Potenzial des Bibers als Schöpfer von feuchten und artenreichen Lebensräumen zu berücksichtigen.
Landwirtschaftsgebeit
Im Landwirtschaftsgebiet gibt es mehrere Möglichkeiten, mit Konflikten umzugehen, die zwischen der Präsenz von Bibern in Fliessgewässern und den Interessen der Landwirtschaft entstehen können:
- Eintragung der betroffenen Flächen als « Biodiversitäts-Förder-Fächen » (BFF) vom Typ extensive Wiese, Uferwiese oder Streuwiese: In dieser Art von BFF könnten überflutete Flächen, Dämme, umgestürzte Bäume und andere vom Biber geschaffene Strukturen in die Kategorie «unproduktive Kleinsstrukturen» fallen.
- Entwicklung einer Massnahme «ökologisches Vernetzungsprojekte»: Innerhalb ökologischer Vernetzungsprojekte können netzwerkspezifische Massnahmen zur Förderung der Biodiversität definiert und finanziert werden.
- Anpassung der Kulturen: Die Anpassung der Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen in der Nähe von Gewässern könnte Synergien zwischen der Anwesenheit von Bibern und der landwirtschaftlichen Produktion schaffen. In diesem Sinne ist die Förderung neuer Kulturen und traditioneller Bewirtschaftungsmethoden, beispielsweise feuchter Ackerflächen oder bewässerter Wiesen, nicht nur möglich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll.
- Ideal wäre jedoch die Entwicklung einer Fläche zur Förderung der Biodiversität, die eine umfangreiche und langfristige Überflutung der Kulturlandschaft ermöglicht, damit die Betroffenen einfach und fair entschädigt werden können.
Alle Projektmodule mit den Expertenberichten
Medienspiegel zum nationalen Biber-Forschungsprojekt