Verhalten von Fischen an Biberdämmen
Seit Millionen Jahren kommen Biber und Fische im selben Lebensraum vor. Biberdämme gehörten immer zum Lebensraum der Fische. In einem natürlichen und dynamischen Gewässersystem stellen diese für Fische auch kein Problem dar, wie zahlreiche Studien gezeigt haben (z.B. Kemp et al., 2012 ; Taylor et al., 2010 ; Wolf et al., 2022).
Natürliche Gewässersysteme sind heute besonders im Schweizer Mittelland aber selten geworden. Die Fische stehen aufgrund einer massiven Einbusse ihrer Lebensraumqualität unter grossem Druck. Begradigte Bachläufe, fehlende Lebensraumstrukturen, Umweltgifte, Wasserentnahmen, Hochwasserschutz, Wasserkraftnutzung und auch der Klimawandel führen bis heute zu einem teils drastischen Rückgang der Fischbestände. Heute gelten 65% der Fischarten als ausgestorben oder bedroht (Rote Liste der Fische und Rundmäuler).
Mehr als 100'000 über 50 cm hohe künstliche Durchgangshindernisse beeinträchtigen die Migration der Fische in Schweizer Bächen. Biberdämme in begradigten, trapezförmigen, eingeschnittenen Bächen stehen immer wieder im Verdacht, die freie Fischwanderung weiter einzuschränken. Für die kantonalen Behörden, Naturschutzorganisationen und Fischer stellt sich die Frage, wie sich in künstlichen und begradigten Gewässern erstelle Biberdämme zusätzlich zu allen bereits vorhandenen negativen Einflüssen auf die einheimischen Fische auswirken. Es ist wenig bekannt, ob Fische Biberdämme auch in künstlichen Gewässern überwinden können und wenn ja unter welchen Voraussetzungen. Barrieren oder auch erschwert passierbare Hindernisse können sich aber negativ auf die für das Laichgeschäft mancher Fische notwendige Fischwanderung auswirken und die Vernetzung von Fischbeständen könnte zusätzlich eingeschränkt oder unterbunden werden.
Die Biberpopulation im Mittelland nimmt vor allem in kleinen Gewässern, wo sie vermehrt Dämme bauen, weiter zu. Zudem sind viele Fischpopulationen unter Druck, es fehlen wertvolle Strukturen und Lebensräume. Mit dem Klimawandel ist zukünftig mit mehr Trocken- und Hitzeperioden zu rechnen. Diese Extreme führen lokal und regional zu häufigeren und längeren Stressperioden bei den einheimischen Fischpopulationen, da die Wassertemperaturen temporär sehr stark ansteigen können.
Die 2020 lancierte Studie «Auswirkungen des Bibers auf die Fischvielfalt – Fischwanderung durch Biberdämme» untersuchte das Verhalten von Fischen gegenüber Biberdämmen. Mit dem Forschungsprojekt erhoffte sich das BAFU wichtige Informationen für das Management sowohl des Bibers als auch der Fischpopulationen und eine Verbesserung der Lebensbedingungen und somit dem Tierwohl beider Gruppen: zeigt sich, dass auch in künstlichen oder wenig natürlichen Gewässern Biberdämme für den Aufstieg der Fische überhaupt nicht zwingend und überall ein Problem darstellen, müssen Biberdämme weniger oft zerstört werden, und die aquatische Fauna kann von den positiven ökologischen Auswirkungen des Bibers profitieren.
Die Ergebnisse in Kürze
- Ein seitlich verbundener Bach mit Seitenkanälen führt zu einer hohen Anzahl an Aufsteigern. An der Schwarzbach-Untersuchungsstelle waren es fast 75 % der Forellen, die den Biberdamm überwinden konnten.
- Anhand des Untersuchungsabschnitts des Chriesbachs (ein relativ stark eingeschnittener Fluss mit einem kleinen Hauptbett) konnten wir zeigen, dass die schnelle Bildung von Seitenkanälen im Hauptbett Regenereignissen mit erhöhtem Abfluss den Fischaufstieg erleichtern kann. In diesem Abschnitt gelingt es selbst einer so wenig mobilen Art wie der Groppe, den Damm zu überwinden (35 % der Individuen).
- Folglich sind die Eigenschaften des Gerinnes wichtig für den Fischaufstieg an Biberdämmen.
- Der Aufstieg am Tegelbach (eingeschnittener Flusslauf) fällt in der Regel mit Regenereignissen mit erhöhtem Abfluss oder einem Rückgang der Abflüsse zusammen. Da sich keine Nebenrinnen bilden, nutzen die Fische einen Ausgleich zwischen den ober- und unterhalb liegenden Wasserständen, um den Biberdamm zu überwinden.
- Am Chriesbach (eingekerbter Fluss mit Hauptbett) fallen viele, aber nicht alle Aufstiege mit einer Angleichung der ober- und unterhalb liegenden Wasserstände zusammen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sich selbst bei kleineren Regenereignissen im Hauptbett Seitenkanäle bilden, die den Fischaufstieg ermöglichen.
- Die Wetterbedingungen haben einen grossen Einfluss auf den Durchwanderungserfolg: In feuchten Jahren (2021) war der Fischaufstieg leichter, während in trockenen Jahren (2022) der Fischaufstieg schwieriger war.
- Somit kann man schlussfolgern, dass in einem „normalen“ Schweizer Fluss ein Biberdamm für die Fische kein Problem darstellt.
- Nur in regulierten Gewässern wie Fischpässen oder in besonders trockenen Phasen während der Laichwanderung von Seeforellen/Lachsen könnten Probleme auftreten.
Ergebnisse in Grafiken
Die Untersuchungsstandorte
Es wurden drei Untersuchungsgebiete ausgewählt, die von einem stark eingeschnittenen Flusslauf bis zu einem Bach mit einer ausgedehnten Aue reichen.
| Tegelbach (TG) | Der betroffene Abschnitt ist eingeschnitten, der Biberteich kann sich nur im Gerinne ausdehnen.
In so einem stark eingeschnittenen Gewässer schaffen es nur 30 % der Forellen, den Biberdamm zu überwinden. | |
| Chriesbach (ZH) | Der betroffene Abschnitt ist ebenfalls eingeschnitten: Das Wasser kann sich nicht vollständig über die Schwemmebene ausbreiten. Die abgeflachten Ufer können aber bei kleineren Hochwassern trotzdem überströmt werden.
In weniger eingetieften Gewässern schaffen es 37 % der Forellen, 45 % der Alet und 35 % der Groppen, den Damm zu überwinden. | |
| Schwarzbach (ZH) | Der betroffene Abschnitt ist an den Auenwald angebunden und das Wasser kann sich dort ausbreiten. Das im Vordergrund vorhandene Wasser wird durch den Biberdamm über die Schwemmebene umgeleitet.
Je natürlicher ein Fliessgewässer ist, je weniger tief es eingeschnitten ist und je stärker es seitlich mit dem Land vernetzt ist, desto leichter können Fische einen Biberdamm passieren: Bis zu 3/4 der Fische können einen Damm in einem Gewässer wie dem Schwarzbach überwinden. |